Graue Welt

Eine Welt ohne Kultur, wo alles grau ist. Kein Haus ist einzigartig. Kein Möbelstück ein Uniquat. Ästhetik, Komposition Szenerie sind fremde Konzepte. Jede Stadt ident zur nächsten. Farben werden gefressen von grauem Schleier. Keine Musik. Keine Bücher. Keine Kabaretts. Keine Shows. Keine Freizeit. Keine Unterhaltung. Kein Spaß. Das Wort Ästhetik wird aus dem Duden gestrichen. Ist das Ziel Unterhaltung, ist es passé. Alles ist rechteckig und stumpf. Jedes Objekt in der Welt genauestens am richtigen Platz. Hochhaus reiht sich an Hochhaus reiht sich an Hochhaus. Jede Straße gleich der nächsten. War ich hier nicht schon? Die Bäume millimetergenau gestutzt. Kein Ast darf sein Ding machen. Musik ist eine ferne Erinnerung von gestern. Kinder der neuen Generation ist es verboten zu erzählen, wie es früher war. Die Vögel haben aufgehört zu singen als sie merkten niemand hört sie. Bücher wurden verbrannt. Schriften, die Informationen beinhalteten und nicht fiktional waren, wurden neu gedruckt. Die in einer Größe gehaltenen, beigen Blöcke sind zum Verwechseln ähnlich. Nur der Titel in Comic Sans (=alles Geschriebene ist Comic Sans) hebt sie voneinander ab.

Künstler_innen, Musiker_innen, Theaterleute, Tänzer_innen, Schauspieler_innen, Autor_innen. Alle wurden arbeitslos. Die Welt war so leer, von was sollten sie erzählen? In der Welt von heute ist nur Platz für Büros und Akten. Dort wo früher Lachen, Musik und Menschen waren, sind jetzt Büroeingänge. Nur noch die älteste Generation kann sich in ihre Gedanken flüchten, wo die Musik spielt und die Menschen lachen.

Die Natur als letztes Refugium der Schönheit hält Hoffnung. Sie antwortet auf keinen Befehl. Sie verändert sich nicht, bloß weil ein Blatt Papier es so will. Die Natur ist hartnäckiger als die Menschen es waren. Ohne Kampf gibt sie nicht auf. Ein langanhaltender Krieg zwischen Mensch und Natur war vor einer Ewigkeit entfacht. Doch Natur erschlafft langsam. Ihre Schönheit wird seltener. Wälder verschwinden. Tiere sterben. Der Himmel verliert sein Blau. Das Wetter seinen Wandel. Gelegentlich versucht Natur den Kampf zu gewinnen und entlädt ihren Frust. Doch kein Hurricane ist stark genug, um Ignoranz fortzutragen.

Ohne Abwechslung lebt der Mensch für die Arbeit. Alle pilgern sie Tag ein Tag aus zu rechteckigen Blöcken und bearbeiten vollgeschriebene Papierstapel und tippen fortlaufend in Tastaturen. Am Morgen zur Arbeit, am Abend zurück in die leere Wohnung. Ein Feierabendbier mit Kolleg_innen keine Option. Clubs und Bars vergessen. 

Jeder Schritt, sowie jeder Handgriff ist monoton. Ausbrechen daraus nicht möglich. Eine starre Struktur diktiert die Tage. Die Arbeitgeber_innen sind abstrakte Konstrukte. Ohne Name und ohne Gesicht, jedoch präsent im Leben jedes Menschen. Niemand weiß, wo sie sind und woher alles kam, jedoch lässt die Situation keine Zweifel zu. Ein Denken außerhalb der Arbeit ist unmöglich. Die Köpfe der Menschen auf Autopilot. Die Regierung überwacht und koordiniert die WeltORDNUNG. Eine einzelne Regierung wacht über den Planeten. Sie stellen Regeln auf. Nimmt den Menschen das Denken ab. 

Zwei Beispiele von geltenden Regeln:

Dresscode: Die Kleidung muss sowohl in der Arbeit wie auch danach getragen werden. Zu Auswahl steht ein schwarzer Anzug mit beiger Krawatte oder ein schwarzer Blazer mit beiger Chino. Schuhe: schwarze Anzugsschuhe (glatt), ohne Verzierung oder schwarze Stöckelschuhe mit drei Zentimeter Absatz. Die Haare müssen entweder abrasiert oder zu einem festen Zopf zusammengebunden werden. Ein Adaptieren des Dresscodes ist unzulässig. Keine hochgekrämpelten Ärmel sowie kein Kombinieren der zwei Optionen. Gesichtsbehaarung muss abrasiert werden. Jeglicher Verstoß wird bestraft.

Zeit nach Beendigung des Arbeitstags: Nach Beendigung der Arbeit muss auf schnellstem Weg der Wohnsitz erreicht werden, wo mit den anderen dort untergebrachten Menschen höchstens 150 Wörter gewechselt werden dürfen. Danach ist die Instandhaltung des Körpers zu vollziehen. Das bedeutet Essen, Waschen und Schlafen. Es muss sich vorbildlich auf den nächsten Arbeitstag vorbereitet werden. Eine Versäumnis der Pflichten führt zu Strafe.  

Das Leben nach der Arbeit ist ebenso durchgeplant. Die persönliche Individualität starb mit der Kultur. Anpassung  wurde höchster Grundsatz. Einblenden in die Gesellschaft zum Ethos. Herausstechen, Einzigartigkeit sofort sanktioniert. Die Charakterzüge der Menschen nivellierten sich. Das Konzept Freizeit wurde verabschiedet. Feiertage abgeschafft. Wochentage verloren ihre Namen und der gregorianische Kalendar mit einer fortlaufenden Nummerierung ersetzt. Heute ist Tag 25.568. Das Individuum wurde zur Einheit. Persönliche Eigenschaften wie liebenswert, empathisch, fürsorglich,  hinterlistig, gesellig, tierlieb, arrogant, kreativ, böse, usw. waren nur mehr inhaltslose Hüllen. Hobbys und persönliche Interessen konnten sich nicht entwickeln. Einzig allein die natürlichen Unterscheidungsmerkmale des Körpers und des Geistes sind weiterhin vorhanden. Menschen kommen einzigartig auf die Welt; Erst dann werden sie wie alle anderen. Solange die Menschen nicht im Labor vermehrt werden können, bleibt das auch so. Es wird bereits an einer Lösung dieses Problems gearbeitet. Um jedoch die nächste Generation zu gewährleisten, müssen Menschen über 18 regelmäßig in die Vermehrungszentren einkehren. Es ist die Pflicht jedes zeugungsfähigen Menschen mindestens zwei Nachkommen zu gewährleisten. Liebesbeziehungen sowie zufällige oder ungewollte Schwangerschaften gab es lange nicht mehr. Der natürliche Sexualtrieb  schwindet mit jeder neuen Generation. Liebe ist unbekannt.

Um all das zu gewährleisten und Störenfriede auszusieben, gehen Kinder ab dem dritten Lebensjahr in Erziehungseinrichtungen. Die persönliche Zeichnung des Charakters muss vernichtet werden. Junge Menschen werden gedrillt die Weltordnung einzuhalten. Nach und nach wird das eigene Denken abgedreht. Kreativität als Feind klassifiziert. Kinderköpfe sind bunte Orte, wo Kreativität zuhause ist. Bunte Farben treffen aufeinander und zeichnen Bilder einer Welt anders als die gelebte. Ohne Müh und Not fließen Ideen und Geschichten durch die Hirnwindungen der kleinen Menschen und sie erklimmen den höchsten Berg der Welt oder retten das Dorf vor dem feuerspeienden Drachen. Doch fehlende Abwechslung und stumpfe Sortierarbeiten, sowie folgsames Auswendiglernen der Regeln und Sitten der Welt, lässt die Träume aus den Köpfen flüchten auf der Suche nach einem Ort, wo sie wahr werden können.

Ein Wiener in Berlin – Prosa in mikro

Tag 1  9:43: Ich bin aus der Gemütlichkeit (Wien) geflohen und in die weite Welt (Berlin) gereist, um dort meine triste Existenz zu zelebrieren. Nach 10 Stunden neben einer schnarchenden Frau, komm ich im fast leeren Zimmer an. Tür zu und schlafen. Nur nochmal kurz raus für Zigaretten und Kinderriegel. 10:03 Mitbewohner stellt sich kurz vor & schließt die Tür langsam, während er mich mustert. Sollte ich Angst haben?  02:45 Tagpfauenauge fliegt  in mein Zimmer & knallt total verwirrt an die Decke. Ich steh verwirrt darunter, fuchtel mit den Armen und murmle: “warum bist du da?”  Tag 2 11:23 Alte Frau im Bus nimmt die Maske ab, um ihren verschleimten Raucherhusten zu freestylen. 14:55 Berlin ist SO groß und alle Menschen so klein ganz süß wie eine Ameisenkolonie. Alle wissen wo sie hin müssen und gehen brav ihrer Arbeit nach. Ich bin ein Käfer der auf dem Ameisenhügel gelandet ist und jetzt von allen in Stücke gerissen und verspeist wird. 15:32 In den Apfelecken von Penny sind Rosinen. Ich will wieder nach Wien, wo Recht und Ordnung herrscht. 16:33 Bin gerade bei der Bushaltestelle angemotzt worden, weil ich in der Wiese gestanden bin. Spüren die Leute dass ich Wien vermisse? Wie aufmerksam die Deutschen doch sind.  16: 45 Ich wär so gern ein auftrainierter Instagram Schwuler, aber ich bin hässlich und hab Charakter. 16:58 Ich geh für einen Mistkübel zu Ikea und komm mit einer Einbauküche wieder raus. 17:03 ich würd mich ja als Anarchist bezeichnen, aber eher so  bei IKEA gegen den Rundweg laufen als Autos anzündet. 21:22 Ich bin so reizüberflutet. Ich glaub ich mach ein paar Tage Urlaub am Land & fahr nach Wien. Tag 3 13:54 Grindr in Berlin ist interessant. Ich bin es von Wien gewöhnt, dass zwar spezielle Anfragen kommen, aber alles schüchtern und zurückhaltend unter dem Tisch.  Als wollten sie die Regierung stürzen oder undercover einen Mord planen. Niemand darf jemals was von ihrem Vorhaben mitbekommen. Ein Typ mit dem ich mal was hatte, hat sich nicht getraut mir zu sagen was er machen will oder schön findet. So auf diese verklemmte, internalisierte Homophobie Art die nur aufkommt, wenn man sich selbst so richtig arg abstoßt. Nach dem Sex mussten wir erstmal Bibelverse rezitieren, um unsere Seelen wieder reinzuwaschen. Hier hingegen geht alles so verdammt offen zu. Keiner scheniert sich und alles is möglich. Voll toll.  Ich hab vorhin ne Nachricht bekommen, mit ner  Galerie Bilder zur Illustration, was der werte Herr gerne machen würde. Das hat mir zwar  das googeln erspart, aber als unschuldiger Junge vom Land musste ich da erstmal schlucken. Aber da heißt es jetzt wohl durchbeißen & lernen. Langsam immer einen Schritt näher zur sexuellen Liberation. Vielleicht kommt das alles von ganz allein. Oder ich mach Schocktherapie im Berghain. 14:44 Ich musste bei der Einreise einen Covid-19 Test machen und bin durchgefallen. Ich hoffe der 4er geht sich noch aus.  14:59 Ich könnt mich mit diesen verklemmten Verschwörungstheoretiker_innen ja identifizieren. Auch ich bin gegen die Maskenpflicht. In einer Welt ohne Maskenpflicht aber mit Pandemie, kann ich in der U-Bahn flirten & gleichzeitig sterben unnötig aber stetig viele, viele Leute.  16:32 Hier “zweite kassa bitte” schreien fühlt sich einfach nicht richtig an.  22:45 Durch das offene Fenster strömt warmer Spätsommer und ich zittere beim Rauchen, weil ich mich anscheiß, jemand könnte mich sehen wie ich aus dem Fenster qualme. Ich hör vom Nebenzimmer ein dumpfes Gespräch und verstehe nur: L’amour.  22:55 10 Minuten später und das Gespräch hat sich zu Sexgeräuschen verwandelt. Ich glaube langsam verstehe ich das französische Arthouse Kino. Tag 4 12:32 Immer wenn ich ganz alte Fotos von schönen Männern seh, werd ich traurig, weil sie schon tot sind, aber dann beruhig ich mich damit, dass sie sicher unglaubliche Sexisten waren. 14:12 Ich war gerade im Filmmuseum und das einzige was ich mitgenommen habe, ist eine Broschüre. 16:22 Ich sollte eigentlich wieder in Therapie gehen, aber ich zähle einfach darauf, dass meine manische Phase die 6 Monate,  die ich in Berlin bin, anhält. 15:02 Meine Observationen haben ergeben: Hier laufen Leute wirklich der U-Bahn hinterher. Ich schlendere gemütlich von S-bahn zu U-Bahn und werd  von nem gestressten Anzug auf die Gleisen geschubst.  20:22 Ich geh jetzt auf eine Party in BERLIN & dann auf einen illegalen outdoor Rave in BERLIN, weil COVID hier in BERLIN nicht existiert, weil wir sind alle jung & in BERLIN. Danach mach ich irgendwas total crazy verrücktes auf den Straßen von BERLIN, wie z.B. einen Freund im Einkaufswagen herumfahren oder im Späti mit dem Verkäufer witzeln oder ganz ganz viele Zigaretten rauchen oder ein Jahr älter in der Clubschlange werden oder 3/4 meines Gelds für Miete ausgeben oder vollkommen vereinsamen, weil niemand richtige zwischenmenschliche Kontakte aufbauen kann, weil alle so beschäftigt sind sich selbst zu verwirklichen, weil ich bin ja in BERLIN. Tag 5 19:22 Was ich heute verkatert gegessen habe: 4 Capri Sonnen und eine Packung Cheddar (mild)  19:25 Immer wenn ich verkatert bin trau ich mich nicht aus meinem Zimmer aus Angst da draußen einen dieser Menschen zu begegnen. Tag 6 11:03 Seit ich mir für vielzuviel Geld die Zähne bleachen hab lassen und jetzt fast immer ne Maske trage, weiß ich dass es eine Lüge ist, sich für einen selber hübsch zu machen. 13:12 Ich will den ganzen Tag im Kaffeehaus sitzen und Tee trinken und nicht existieren. 15:34 Ich hab grad gesehen wie eine Frau einen Mann geküsst hat. Ich dachte sowas sei hier verboten. 17:22 Leute finden meinen Dialekt ständig süß oder im schlimmsten Fall lustig. Wie soll ich ernst genommen werden, wenn jeder zum kichern anfängt, wenn ich den Mund aufmache. “jo ich will a PACKAL TSCHICK, Frau Verkäuferin und gebns ma nu a SACKAL dazu – DAUNK IHNEN VÜLMOIS“  17:30 Unter 27 Grad bin ich schwul, alles drüber und ich identifiziere mich als asexuell. 17:55 Das beste am Erwachsen sein ist, dass ich 3 Capri Sonnen hintereinander trinken kann, ohne das mir jemand sagen kann, ich soll das lassen.  21:12 Allein am Sonntag Abend zu McDonalds. 23:21 Ich bin dieser Nebencharakter in einem deutschen Drama, der nur dazu da ist, um die Hauptcharaktere daran zu erinnern was sie tun müssen und den Plot antreibt ohne eine wirkliche Charakterzeichnung zu besitzen. Danach werd ich einfach vergessen oder überfahren, oder beides. Tag 7 09:22 Ich bin eine Woche hier und bin noch nicht vergewaltigt, ausgeraubt oder (mehr) drogensüchtig geworden. Die Großstadt kann mir NIX. 10:55 Ich bin schonwieder am Weg zu IKEA. Ich bin so aufgeregt. 12:33 Der hypermaskuline Dönerverkäufer bei mir ums Eck macht mich auf eine unglaublich verwirrende Art an. Auf so eine paternalistisch, beschützende Art. Ich will in seinen Armen einschlafen, nachdem er drei Stunden lang mein Hirn rausgefickt hat. “Bruder ja ich will den Falafeldürum mit allem und dich neben mir im Bett” 15:02 ich zu einem schwulen Pärchen: “und wer von euch ist der abgehobene Kulturbanause und wer der inselbegabte Wissenschaftsfreak?” 15:45 Ich bin so müde vom im Bett liegen ich mach kurz ein Nickerchen. 17:02 Ich bin ein alter Mann. Gebrächlich und mit schlechten Augen. Am Morgen trinke ich meinen Tee und schaue dabei aus dem Fenster. Die Post bringt mir meine Zeitung, die ich von Deckblatt bis Rückseite durchlese. Auch die Werbeanzeigen. Danach gehe ich zu Aldi einkaufen und verbringe Stunden damit, meine Lebensmittel sorgfältig auszuwählen. Ich muss auf meinen Cholesterinspiegel achten. Danach stelle ich alles schön geordnet in mein Küchenregal und mache mit offenem Mund in meinem Massagesessel ein Powernap für drei Stunden. 20:12 Ich hör jetzt auf mit Party & herumlungern. Tschüss Kultur- und Kunstwelt und Hallo Karriereleiter. Ich widme mich den wirklich wichtigen Dingen im Leben, um mit 60 unbeschwert mit viel Geld und einer glücklichen Familie auf ein Leben voller Erfolge zurückblicken zu können. in BERLIN.

Wir konnten nirgendwo hin, außer überall-Beginn

Stell dir vor es ist Samstagnacht. Du bist gerade in die kalte Winternacht gestiegen und sprintest die Straße entlang. Es ist noch nicht früh genug für die Arbeiter und noch spät genug für leere Gehsteige. Die gesamte Straße gehört dir. Jeder deiner Schritte ist begleitet von knarzenden Schnee unter deinen Fußsohlen. Die frische Luft weckt die verrauchten Augen wieder auf, sodass jede einzelne Schneeflocke, und mag sie noch so winzig sein, betrachtet wird.
Dein Weg hier auf der Straße und dort drüben im Leben ist jetzt gerade und sichtbar. Alles wirkt so nah, fast greifbar. Die Flamme in deinem Herz breitet sich aus und die Wärme verteilt sich in deinem Körper wie ein Waldbrand der ohne Rücksicht alles einnimmt.

Du bekommst endlich das Gefühl angekommen zu sein. Weißt plötzlich wo deine Lebenslinie langführt. Ist das der Moment in dem deine Jugend aufhört? Zweifel lösen sich. Fragen bekommen Antworten. Deine Lungen heben sich schwer von der schlechten Luft in der Bar. Deine Beine schwach vom Bier.

Die Worte deiner Freunde verkleben noch die Ohren. Ein ständiges Brummen begleitet dich bis vor die Haustüre. Es ist seltener geworden, dass ihr alle beisammen seid. Das Leben hat sich zwischen euch gedrängt. Ihr wohnt verteilt im Land. Dort wo früher gemeinsame Wochenenden von Donnerstag bis Montag waren, sind jetzt Verpflichtungen. Ein Abend wie heute ist einmalig geworden, aber um welchen Preis? Muss am Weg ins Alter seine Unbeschwertheit eingetauscht werden gegen Sicherheit und Ruhe? –  oder war es andersrum?

Vor deiner Haustüre zündest du dir noch die letzte Zigarette des Abends an und lehnst dich an die Hauswand. Die Kälte zieht dir den Schleier von den Augen. Auch wenn du nicht weißt, ob du schon dort bist wo du sein sollst oder dich dorthinbewegst wo du sein solltest. So weißt du jedenfalls wo du jetzt in diesem Moment bist.

Kapitel 1

Es war Januar als ich meinem kleinen Heimatdorf den Rücken kehrte. Dort habe ich mit meiner Mutter und meiner Schwester zusammengelebt.  Die meiste Zeit habe ich versucht zu schreiben, zu lesen und irgendwie die leeren Straßen des Dorfs mit Leben zu füllen. Aber es gelang mir nicht. Schon früh wusste ich, dass meine Zukunft in Wien ist. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, bedeckt ein milchiger Schleier die Erinnerungen. Es ödete mich an was, oder was nicht  in diesem kleinen Dörfchen zu sehen war.  Was die Leute mit ihrer Zeit anfingen und über was sie sich bei Bier und Kaffee das Maul zerrissen. Der Drang nach Extremen war zu groß für das kleine Dörfchen. Kurz. Ich fühlte mich fehl am Platz dort wo ich zuhause war. Eines Tages beschloss ich also das Dorf hinter mir zu lassen. Nach Wien soll es gehen. Den Ort, den ich schon so lange in meinen Gedanken zusammenfantasierte. Ich stellte mir das Leben dort so einfach vor. Federleicht und unbeschwert zu sein wie ich sein will. In der Anonymität abzutauchen. Mehr zu sehen von der Welt. Zuhause war mein Brustkorb abgedrückt. Ich konnte kaum Atmen. Ich musste hier weg, das war schon früh klar.

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern schon als kleines Kind die Augen nicht vom Fernseher zubekommen, wenn Wien gezeigt wurde. Diese Stadt mit ihren wunderschönen Häuserfassaden, vielen Menschen und die U-Bahn. Dieses unterirdische Zugnetzwerk war für mich so etwas Fremdes und für die Menschen dort war sie so alltäglich wie für mich mein morgendliches Butterbrot. Was sie wohl alles erleben würden, wenn sie morgens noch mit Schlaf in den Augen in diese dunklen Tunneln an der Straßenecke heruntersteigen. Tief unter die belebte Stadt und durch nieendenwollende dunkle Höhlen flitzten,  wie grelle Sternschnuppen am Himmel.
Ich höre noch meinen Vater erzählen von seinem ersten Besuch in Wien. Das es so schlimm sei. So viele Menschen und soviel Gesindel. Vor allem der Karlsplatz soll nicht auszuhalten sein! Doch das hat meiner kindlichen Fantasie keinen Zweifel angetan. Trotz alledem gab es nur einen Ort an den ich hinwollte und wo ich mein Glück verorten konnte.
Mein Heimatdorf erdrückte mich. Die Gassen und Straßen nicht groß genug für meine Wünsche und Träume. Es drängte mich dorthin, wo ich unerkannt blieb und dort wo ich unter den wachsamen Augen von tausenden, doch ungesehen tun und lassen konnte was ich will.

An einem kalten Januartag wurde dieser Wunsch endlich erfüllt. Ich packte meine Sachen und setzte mich in den Zug nach Wien. Ich versuche ein Buch zu lesen und die Landschaft an mir vorbeiziehen zu lassen, aber es gelingt mir nicht meine Augen auf die Zeilen zu konzentrieren.  Immer wieder blicke ich sehnsüchtig aus dem Fenster und mit jedem Meter den sich der Zug fortbewegt werde ich leichter.

In Wien nimmt mich für die erste Zeit eine Freundin meiner Mutter auf. Sie ist eine unverheiratete dicke Frau, die ich erst einmal zuvor gesehen habe. Sie hat ungekämmte, braune Haare und von vielen Zigaretten gelb gefärbte Zähne. Schon als ich in den Bahnhof einfahre kann ich ihre dicke Hand winkend am Bahnsteig erkennen. Ihre Wangen fest zusammengedrückt vom breiten Grinsen das nie aus ihrem Gesicht weichen will.  Die kleine Frau sticht aus der Menschenmasse hervor. Etwas ruckartig zieht sie mich sofort zu ihr nach unten und drückt mir einen feuchten Kuss auf die Wange. Hastig beginnt sie einen Redeschwall der nicht endet. „Endlich bist du da!“, sagt sie. „Wie geht es deiner Mutter?“ Komm gib mir deine Tasche. Lass mich dir helfen!“ Ich finde nicht die Zeit, dass ich auf ihre Fragen antworten könnte. Sie interessiert auch weniger was ich zu sagen habe, sie springt von einer Frage zur nächsten ohne mir Platz zum Antworten zu geben. Hauptsache ihre Worte werden frei. Langsam setzen wir uns in Bewegung und ich habe Mühe mit der kleinen Frau mitzuhalten und sie in der Menschenmasse nicht zu verlieren. Mit dem schweren Koffer in einer Hand ist es mühsam schrittzuhalten und gleichzeitig noch höflich genug zu sein um ihren vielen Fragen wenigstens ein Kopfnicken zu schenken.

Frau Meisner wohnt in einer kleinen Wohnung am Kamerlitenmarkt. Als sie die verwinkelte Tür zu der Altbauwohnung aufsperrt, trifft mich ein Schwall aus abgestanden Zigarettenrauch und alten Textilien. Ich will sofort das erstbeste Fenster öffnen. Der Geruch, eine Mischung aus Second Hand Geschäft und verrauchtes Eckbeisl, reißt mich fast von den Füßen. Fast so Eine orange Katze schlängelt sich um meine Füße als ich mir die Schuhe ausziehen will und einen erschöpften Seufzer loslasse. „Möchtest du einen Kaffee?“, schreit Frau Meisner aus der Küche. „Natürlich willst du einen Kaffee.“, Beantwortet sie sich die Frage selbst. „Du musst ja erschöpft sein von der langen Reise.“ „Es waren nur zwei Stunden.“, antworte ich mehr für mich selbst als für sie.
„Das Zimmer am Ende des Gangs ist deins. Dort kannst du deine Sachen abstellen.“ schreit Meisner wieder aus der Küche. Ich höre schon Geschirr und leises Gesumme aus der Küche und atme ein paar Mal hastig ein und aus.

Ich gehe durch den Gang und betrachte die vielen mehr oder weniger stillosen Ölgemälde auf der Wand. Bis zur Decke sind die Wände voll gesteckt mit bunt zusammengewürfelten Bilderrahmen Das Zimmer am Ende des Gangs ist jedoch leer. Bis auf eine öde Landschaftszeichnung über dem Bett, befindet sich ebenfalls ein leerer Schreibtisch am Fenster und ein Kasten für meine Klamotten. Ich schließe die Tür hinter mir und sperre die Geräusche der Küche und der Stadt aus. Stille. Ich bin hier. Endlich bin ich hier. Kommt es mir zum ersten Mal in den Sinn. Mir klopft mein Herz in der Brust. Ohne mich zu bewegen stehe ich in der Mitte des Zimmers, rechts von mir ruht mein Koffer, verschlossen und still. Was mache ich hier eigentlich? Ich höre die Stimme meiner Mutter. Bist du dir sicher? Du hast doch hier alles was du brauchst! Mach dir dein Leben nicht schwerer als es sein muss. Die Worte bohren sich in meinen Kopf. Ich greife auf meinen Ärmel, wo heute Morgen noch die Tränen der Schwester gelandet sind.

„Der Kaffee ist fertig!“, schreit Frau Meisner durch die Tür, welche sie ohne zu klopfen aufgerissen hat.

(stellt euch vor ich lese diesen Text in einer knappen Minute auf einer Bühne vor)

Schön schnell. Alles auf einmal. Ohne nachzudenken. Reinkippen. Reinziehen. Reindrücke. Hauptsache rein. rein . rein. rein in mich. Hallo Taubheit. Hallo Dunkelheit. Hallo Rausch. Ein paar Sekunden stille im lauten Geschrei. Kurz den Atem anhalten. Den Brustkorb stilllegen. Alte Fabrik außer Betrieb. Nach Luft schreien lassen. Nicht hinhören. Kurz nur genießen diese Stille. Dort zwischen Leben und Tod. Abseits vom Smartphone. Den scheiß Partys. Der Uni. Dem neuen Café in der Straße. Den unfreundlichen Kunden. Der tausendsten immer gleichen Netflixserie. Dem Tinderflirt und dem effizientesten Trainingsplan.

Entfliehen aus Konventionen und keinen Fick auf alles geben. Sich nicht umdrehen und entfliehen aus der Routine. Aus dem Alltag. Aus mir.

 

Pridemonth im Hinterland

Unter normalen Umständen lasse ich mich nicht schnell für ein Wochenende in der Tiroler Pampa  begeistern, aber es hatte 32° Grad in unserer WG und mein brummender Kopf verfluchte jedes vorbeifahrende Auto.

Also packte ich meine Sachen und fuhr mit meiner Mutter und dem Rest der Verwandtschaft nach Tirol.
Mir stand also ein Wochenende mit viel Bier und zurückgehaltenen Worten gegenüber. Eventuell ein bisschen Wandern.

Schon die Ankunft war leicht überfordernd. Viele Umarmungen, Küsse auf Wangen und Fragen die sich nicht so schnell beantworten ließen.

Wie gehts in der Stadt? Was ist auf der Uni? Du hast abgenommen? Arbeitest du etwas? 

Überwältigt und schon nach 2 Minuten genervt bekommen wir den unfertigen Betonklotz zu Gesicht. Von außen hat das Haus Ähnlichkeiten mit einem postkommunistischen Plattenbau und von innen schlägt einem die aufblühende Familienidylle ins Gesicht. Alles ist darauf ausgelegt, dass sich die zwei jungen Menschen ihren Traum von der glücklichen Dorfidylle erfüllen. Bei dem Gedanken daran, dass sich in diesem Kaff ein jugendlicher Mensch ordentlich entwickeln soll, kommt mir die Kotze hoch. Der nächste Typ auf Grindr ist stolze 15 km entfernt. Mein Herz schmerzt.

Ich muss schon seit wir das Haus betreten haben versuchen, meine Abneigung für diese Familienromantik zu verbergen.
Die Führung durch das Haus beginnt und ich spiele Begeisterung vor. In Wirklichkeit würde ich gerne aus dem Panoramafenster in der Küche springen und auf den noch warmen Asphalt in der Hauseinfahrt zerschellen. Es widert mich alles an.
Meine Cousine und ihr Mann sind 4 Jahre älter als ich. Werde ich auch in vier Jahren mein Einfamilienhaus der Familie präsentieren? Aus Mangel an Alternativen einen festen Job angenommen haben? Von Kinder träumen? Mein Kopf beginnt sich zu drehen und beunruhigende Zukunftsvisionen in der Vorstadt bilden sich vor meinem inneren Auge. Wo sind meine scheiß Tschick?

„Und das hier ist das Kinderzimmer“

Ohhhhh

Ahhhhhh

Oma: „Wie lange ist es denn noch?

Cousine: „Noch ist ja noch nichts sicher.“

„Das hier ist das zweite Kinderzimmer?“

Oma umarmt Cousine und fängt an zu heulen

Jetzt rührt mich die gesamte Situation. Ob es die Liebe für meine Oma ist oder sonst was weiß ich nicht genau. Aber bei dem Gedanken an Ur-Enkelkinder funkeln ihre Augen immer so schön. Ich reiße mich zusammen.

Der kurze Gefühlsausbruch wird von einer erneuten, rührenden Geste gefolgt: Der Mann meiner Cousine drückt mir ein Bier in die Hand.
Die anderen Cousinen und ich sondern sich vom Rest der Familie ab. Wie früher bei den Familienfeiern, wenn sich die Kinder in die Spielzimmer verkrochen haben und die Eltern ruhig ihre Streitgespräche führen konnten. Damals hatten wir nicht verstanden warum Ausländer schlimm sind. Wir haben sich gelangweilt und sind abgehauen.
Jetzt verstehen wir die Gespräche, aber fühlen uns hilflos. Wieder verkriechen wir uns. Nicht zum spielen, sondern zum kiffen. Wir sind wieder 17.

Auf dem Balkon ist die Aussicht atemberaubend. Von dem kleinen Hügel auf dem das Haus steht, sieht man über das überschaubare Dorf. Darüber hinaus räkeln sich Berge in die Höhe. Wie auf einer Postkarte.

Das Gras und Bier lockern die Stimmung. Abgesondert von den Eltern und Großeltern können wir über mehr als nur Belanglosigkeiten sprechen. Ich erfahre, dass mein Coming-out mehr Wellen geschlagen hat als ich gedacht habe. Ich erzähle rührend und mit lockerer Zunge wie damals alles abgelaufen ist. Wie meine Mutter mit meinem Outing umgegangen ist. Wie ich mich gefühlt habe und warum ich dann in die Stadt abgehauen bin. Wegen dem Studium oder? Das da mehr mitspielte wird mir erst jetzt mit etwas Abstand bewusst. Wie hätte ich das mit 18 auch in Worte fassen sollen.
Kurz werde ich nachdenklich und will mit meiner Mutter darüber reden. Mir ihre Seite anhören. Sie hat mir den Rücken gestärkt und negative Kommentare abgeschirmt. Kein einziges Mal wurde ich unangenehm von Verwandten angequatscht.
Schnell werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Der Grindr Ton erklingt und die orange Maske lacht mich an. Ich bereue die App überhaupt aufgemacht zu haben.

„Hey Gehst du heute aus?“

Lustig kann hier Ausgegangen werden ohne sich im Schützenkeller des Onkels mit selbstgebrannten umzuhacken?

Nach kurzem Schreiben stellt sich raus, dass 3 Min von uns entfernt eine große Feier ist. Das Event des Jahres. Ist mega cool wurde gesagt und die Lobpreisung schreckt mich ab.
Mir ahnt grausiges. Übersteuerte Boxen, die Schlager pumpen. Betrunkene Dudes die mit ihren jämmerlichen Verhalten jemanden versuchen abzuschleppen. Aufgerissene Münder die nach dem Strohhalm im Bacardicola Glas angeln. Kleidung aus der miesen Zeit der 2000er. Ein Albtraum.

Weil ich anscheinend auf öffentlichen Suizid stehe und mittlerweile viel zu betrunken bin, um rationale Entscheidungen zu treffen, überrede ich alle, dass wir auf das Fest gehen. Natürlich sage ich dem Typen auch zu. Der Spaß kann beginnen!

Dort angekommen werden wir erstmal vom Türsteher angemacht, weil eine von uns keinen Ausweis dabei hat. Meine Wut auf dieses Loch wird größer, aber es ist auch aufregend. Ich denke daran wie mir einer der auftrainierten, böse dreinschauenden Typen  eine in die Fresse haut, weil ich Schwuchtel ihn nicht anschauen brauche. Meine Todessehnsucht formt sich zu konkreten Bildern.
Wir beschließen sich unter die Menschen zu mischen und versuchen nicht aufzufallen. Ich würde mich selbst nicht als sehr effeminiert bezeichnen. Ich bekomme oft zu hören, dass Leute überrascht seien, dass ich schwul bin, was auch immer das heißen soll. Neben meiner Cousine im Kurzhaarschnitt fallen wir mehr auf als gedacht. Ständig starren uns  Menschen an und ich bin mir nicht sicher, ob sie riechen, dass wir nicht von hier sind oder ob ich noch Apfelkuchen wo kleben habe.
Im Versuch meine wahren Farben zu kaschieren, habe ich mich gänzlich schwarz angezogen. Ich bin bereit für ein Begräbnis. Wahrscheinlich mein Eigenes.
In dem Glauben dass ich locker als Hetero durchgehe, spaziere ich an den Türstehern vorbei in die Menschentraube vor dem Zelt. Wir kämpfen uns zur Bar. Ausnüchtern darf hier keiner. Soweit haben wir die Regeln verstanden.

Wir lernen Menschen aus Frankreich kennen die hier auf Wanderurlaub sind. Sie sind ebenso belustigt von dem wilden Treiben in dem ruhigen Dorf und erzählen uns von der Wanderung die sie heute gemacht haben. Ich frage sie  verzweifelt nach Gras, aber sie kiffen nicht. Ich verschwinde und suche den Typen von Grindr.

Ziemlich betrunken wanke ich vor dem Zelt herum. In einer Hand mein Handy und in der anderen mein Bier, warte ich auf den Dude, wie ich ihn kurzerhand getauft habe. (Name vergessen und vor zwei Tagen „The Big Lebowski“ gesehen) Seine Nachrichten wirken auch nicht mehr Nüchtern. Zum Glück.

Nach viel zu langen 5 Minuten in denen ich meinen Blick durch die Menge schweifen ließ und mich ausreichend  mit den Balzverhalten der ansässigen Jugend vertraut gemacht habe, steht er endlich vor mir und ist zum Glück genauso betrunken wie alle hier.
Er umarmt mich und wir versuchen Smalltalk zu betreiben. Ich erzähle von zuhause und dem Leben in Wien. Frage wie es ist hier schwul zu sein. Er erzählt mir, dass anscheinend viele nicht geoutet sind. Auf Grindr lernt man sie kennen, sagt er. Mich bedrücken die Schilderungen. Kann mir in meiner heutigen Situation schwer vorstellen, nicht ständig von Queers umgeben zu sein. Er macht ein paar Witze, um die Hoffnungslosigkeit zu kaschieren, aber es dringt eine schwere Traurigkeit durch. Wir wechseln das Thema aber meine Stimmung ist gedreht. Ich beginne zum Nachdenken und finde die gesamte Situation und wie ich damit umgegangen bin zum Heulen. Ich habe mir einen Witz daraus gemacht im Dorf undercover zu gehen, aber für viele ist das hier Realität.
Das der Dude nur im Internet Männer kennenlernen kann, deprimiert mich. Das sie dann meistens ungeoutet sind, trifft mich mitten ins Herz. Als ohnehin einsame Dorfschwuchtel in einen Ungeouteten oder Hetero verliebt zu sein ist alles nur nicht schön. Ich sollte das eigentlich wissen und trotzdem war ich so ignorant und habe ständig Witze darüber gemacht wie verklemmt hier sicher alle sind. Ich beginne mich zu schämen, dass ich so voreingenommen war. Ich kam mir überlegen vor. Als wäre ich wieder ein arroganter Teenager. Ich habe total außer Acht gelassen, dass ich auch in so einem Kaff aufgewachsen bin. Der 19-Jährige Dude vor mir hätte genauso gut ich mit 19 sein können. Wie gern hätte ich mich damals getraut, mich mit anderen Männern zu treffen.

Noch bevor ich mich mehr schämen konnte, gingen wir auf die Tanzfläche, von wo ich mich aber schnellstmöglich wieder, mit dem Vorwand ich habe keine Zigaretten mehr, verpisste. Vor dem Zigarettenautomat angekommen fiel mir erstmal meine Geldbörse runter und während ich „Where is the money Lebowski?“ murmelte, lachte und fast das Gleichgewicht verlor, sammelte ich die Münzen wieder ein. Zwei vorbeikommende Menschen blieben stehen und halfen mir beim Einsammeln. Was für gute Seelen. Vielleicht haben sie mir auch Geld gestohlen. Wer weiß.

Anschließend fand ich den Dude nicht mehr. Erst am nächsten Tag habe ich seine Nachrichten auf meinem Handy gesehen. Er wollte sich nochmal mit mir treffen. Er fände mich süß. Kurz fühle ich mich geschmeichelt, aber bin dann schlussendlich froh, dass wir uns nichtmehr gesehen haben. Auch wenn ich ihn mit ziemliche Sicherheit geküsst hätte, so wüsste ich nicht wie mit der Situation umgegangen wäre. Zuviel hätte mich an meine eigene Jugend erinnert. Die Angst, dass jemand erkennen könnte wie ich wirklich fühle. Ich schäme mich immer mehr für meine Vorurteile gegen das Land.  Ich bin mir überlegen vorgekommen, dabei war ich derjenige der total unterlegen war. Der Dude steht zu seiner Sexualität und zu sich selbst. Egal was die Menschen rund um ihn für eine Meinung haben. Es ist einfach in einer liberalen Großstadt, wo jeden zweiten Tag LGBTQ+ Events stattfinden, seine wahren Farben zu zeigen. Dort wo sich auf Plakaten Männer küssen und CSD’s fester Bestandteil des Eventkalenders sind, muss sich keine verstecken. Es gehört einiges an Mut dazu zu sich selbst zu stehen in einer Gegend weit entfernt von den fast utopischen Großstädte. Er verliert seinen Stolz nicht und strahlt in einer Gegend, wo weit und breit keine Parade durch die Straßen zieht.
Ich sollte es besser wissen. Kenne diese Situation aus meiner eigenen Jugend, aber ich war damals nicht stark genug dem Druck von außen standzuhalten. Ich habe mich verstellt und gelogen. Versucht mich irgendwie anzupassen; und bin bei der ersten Gelegenheit in die Stadt geflüchtet. In eine Umgebung wo es egal war, wenn du von Kopf bis Fuß regenbogenfarben angezogen bist.
Der Dude hingegen hängt sich eine Regenbogenflagge ans Auto und fährt durch ein 3000 Seelen Dorf. Wird an der Ampel angeschrien und beschimpft, aber ändert sich trotzdem nicht. Er bleibt standhaft und stolz. Die Welt braucht Menschen wie den Dude. Kleine Zeichen und Repräsentation gewöhnen die Menschen am Land an neue Lebensrealitäten. So werden die Dörfer dieser Welt vielleicht auch bald schöne Orte wo Queers Leben können. Ohne Angst zu haben.
Ich will hier nicht sagen, dass ein Umziehen in eine liberalere Gegend nicht völlig gerechtfertigt ist. LGBTQ+ Menschen sollen aus unglücklichen Situationen fliehen können und können auch in Städten gesellschaftliche Veränderung anzetteln. Ich sage nur, dass die wenigen Menschen die sich als queer offen am Land zeigen, unglaubliche Veränderung anstoßen können. Den Weg für andere Menschen ebnen. Es muss nicht immer ein Stein durch ein Fenster sein. 50 Jahre nach Stonewall reicht eine kleine Regenbogenflagge am Auto eines jungen Mannes.
50 Jahre nach Stonewall sind die Paraden eine reine, sich in der eigenen Meinung suhlende Veranstaltung. Die ohnehin schon liberalen Menschen in den Städten feiern eine Party. Das ist auch völlig legitim und soll so sein, aber glaubt nicht, dass sich so etwas ändern wird. So ändern wir nichts. Der Dude verändert was, indem er offen auf dem Marktplatz steht und schreit: Hier bin ich! So bin ich! Und hier bleib ich auch!

Dort wo die Welt in Ordnung ist

Es ist warm. Es scheint die Sonne. Auf der Uni ist es stressig. Das heißt es ist Zeit die Wochenenden auf Open-Airs zu verbringen. Im Wald zu pumpenden Bässen tanzen. In der Nacht frieren und am Tag am Hitzetod sterben. Warmes Bier trinken und beste Freunde für eine Nacht finden.

Diesmal trieb es uns auf das Breakfest. Schon seit Jahren findet das Festival in Tschechien in einem kleinen Örtchen statt. An einem kleinen See finden sich Jahr für Jahr bassliebende Menschen ein und lassen sich für 4 Tage die Trommelfelder mit Acidtekno zerschießen.

Spontan und zwei Stunden vor offiziellen Beginn des Festivals beschließen wir hinzufahren und eine Stunde später sind wir schon am Weg in die Tschechische Pampa. Die ersten Bierdosen wurden aufgebrochen und die halbkaputten Autoboxen im knallroten VW eines Freundes spielt krachende Musik. Fast gelähmt von der Hitze und der fehlenden Klimaanlage fahren wir der Sonne entgegen. Lachend und schon jetzt treibend auf einer Wolke aus Unbeschwertheit. Immer dem Horizont entlang; soweit uns der Wind treibt.
Mit einem breitem Grinsen schaue ich aus dem Fenster. Tschechien ist kein Land das ich schön nennen würde, aber mit den Menschen auf dem Rücksitz und dem guten Wetter ist es wunderbar hier.

Nach vierstündiger Autofahrt kribbelte der Magen und bald die Nase. Zelte provisorisch aufgebaut. Vielleicht noch umgezogen. Wir konnten die Bühne schon sehen. Die Musik hören. Der Bass schrie nach uns.

jetzt endlich zur stage. Kommt schnell. wir müssen hin. sonst verpassen wir etwas.

Biergeschmack, Rauch in den Lungen und schon breitet sich alles vor unseren Augen aus. Im Gänsemarsch den schmalen Weg durch auf die Lichtung und das Zelt plus Bühne ist schon da. Nicht zum übersehen. Gefühle überschlagen sich. Alles auf einmal und doch gar nichts.

Freund: Jetzt gehts los!

lachen, springen, umarmen

Die ersten Menschen tanzen unter der schwächerwerdenden Sonne. Begrüßen die kommende Nacht voller Möglichkeiten. Der wummernde Bass fährt in unsere Körper. Wir sind angekommen. Zuhause für die nächsten paar Tage, oder eigentlich für immer?

Das hier ist das wirklich Schöne an elektronischer Musik. Nichts ist geregelt, aber doch hat jeder seinen Platz. Diese hedonistische Oase ist der Beweis, dass wir keine Regeln brauchen um glücklich zu sein. Rücksicht und Freude und schon klappt das Zusammenleben ohne Streit. Wie hat unsere flüchtige Bekanntschaft in der ersten Nacht immer geschrien? positive Vibrations? positive Vibrations! Ja genau!
Ohne Plan und ohne Zeit ohne Regeln und ohne Verpflichtungen und trotzdem funktioniert hier alles. Dort wo Menschen Barfuß tanzen ist die Welt noch in Ordnung hat eine Freundin von mir einmal gesagt. Sie hatte so recht.

Ein Festival, und ich rede nicht von diesen Massenveranstaltungen die dir für eine Karte 200 Euro abknöpfen, ich spreche von aufblühenden Oasen auf denen du Menschen von aller Welt kennenlernst und manche verstehst und manche nicht, du dich aber trotzdem verstehst. Menschen die die Ferne suchen und sie an Orten wie diesen finden.

Hedonismus ist so schön, doch so verpönt. Was soll so schlimm sein aus der Realität auszutreten? Was ist falsch an Eskapismus. Nichts! Nichts ich sag es euch!

Eingetaucht in die Musik und Menschen. Völlig zufrieden und fröhlich. Verloren im Kopf und in der Welt, aber jetzt hier.

Es gibt hier keinen Ablauf an den wir uns halten müssen. Wir wissen meist selbst nicht was wir machen. Hier ein gemeinsamer Tanz dort eine geschnorrte Zigarette drüben jemand am Nasen auflegen. Die Zeit löst sich auf. Die Uhrzeiten verlieren an Bedeutung und der Timetable verliert jede Sekunde an Relevanz. Egal wer hier gerade auflegt die Person spielt herrlich und tanzbar und wunderschön.

Bekanntschaften mit neuen Menschen. Sofort Freundschaften schließen. Gespräche über intime Gedanken. Wir teilen hier alles. Unseren Proviant und unsere Geheimnisse; das gehört einfach dazu.

Kurze Verschnaufpause am Lagerfeuer. Die glühenden Punkte in den dunklen Sternenhimmel. Intime Gedanken über Liebe, Musik und den ganzen Rest.

Jetzt aber genug geredet! Eine Hand zieht mich zurück auf die Tanzfläche. Ich war noch nicht fertig – aber das hat noch Zeit. Später irgendwann. oder Morgen.

Die Sonne geht unter und wieder auf unter und wieder auf. Wir nehmen nicht recht viel Notiz davon. Was wir machen ändert sich nicht. Vielleicht am Nachmittag mal für ein paar Stunden im Wald schlafen. Den kühlen Waldboden riechen. Aber dann ganz schnell wieder zurück zur Bühne! Es spielt wieder ein gutes Set!

Einmal noch vor den Boxen stehen und sich von wummernden Bässen auffangen lassen. Verschiedenste Menschen ein Lächeln schenken und die Mundwinkel nicht runter kriegen. Jeden schlechten Gedanken verbannen aus deinem Kopf. Tanzen, sich bewegen. Endlich ankommen.

Frei sein.

Liebe spüren.

Glücklich sein.