Wir konnten nirgendwo hin, nur überall (Teil 2)

Kapitel 2

Clement starrt in der Bar herum. Seine Sinne sind scharf. Alles bewegt sich schleierhaft.

Erst nach der dritten oder vierten Zigarette beginnt er sich zu fragen, wo die anderen zwei sind. Er glaubt Maria am anderen Ende der Bar zu erspähen. Er dreht sich zur Toilette um in der Hoffnung Ane zu finden. Kein Erfolg.

Ein Typ im Anzug setzt sich auf den Platz wo Maria noch vor wenigen Minuten gesessen ist. „Hallo“, sagt er während er ein Bier neben Clements Glas abstellt. Clement setzt sich aufrechter hin und mustert den breit grinsenden Mann. Er ist in der letzten Hälfte seiner Zwanziger, hat kurze, sauber getrimmte Haare und einen fein säuberlich gepflegten Bart. Sein Kopf steckt in einen viel zu schönen Anzug und sofort will Clement verschwinden. Menschen die sich in der Öffentlichkeit, vor allem im Nachtleben, mit einem Anzug blicken lassen, sind mit Vorsicht zu genießen. Entweder es sind Anwälte, die versuchen ihre verpasste Jugend nachzuholen oder Startup Typen, die dich die ganze Zeit mit ihren Geschäftsideen vollquatschen. Beide Typen vom Schlag Mensch auf Clements schwarzer Liste.

Er will aufstehen, aber der Unbekannte fängt zu reden an. „Warst du das vorhin mit den Orangenscheiben?“, Clement beißt die Zähne zusammen. „Die haben dich getroffen?“, sagt er und kann ein Grinsen nicht unterdrücken.
„ Meine Schuhe.“
Der Unbekannte dreht den Kopf leicht auf die Seite und mustert Clement. Seine ausdruckslosen Augen wandern dabei herum. „So lustig finde ich das nicht.“, sagt der Mann. „Zieh dir doch die Krawatte bisschen auf und schon siehst du’s nichtmehr so eng.“
Der Mann schaut an seiner Krawatte herunter. „Ich komme von der Arbeit.“, sagt er kühl. Der Fremde merkt, dass Clement sich an dem Anzug stört, jedoch macht er keine Anstalten das Gespräch zu beenden.
„Willst du was trinken?“, sagt er. „Ich bin Pierre.“ Clement greift nach der ausgestreckten Hand. „Ich bin Clement.“
An einem nüchternen Tag würde Clement das Angebot sofort ablehnen. Mittlerweile ist er jedoch betrunken genug, um seine Entscheidungen nicht viel zu überdenken und Ane ist auch nicht auffindbar.
„Lass mich was holen. Als Wiedergutmachung für den Angriff vorhin.“, Clement lacht  und geht zur Bar und holt zwei Bier.
Ane fängt ihn tanzend auf halben Weg ab und Clement muss sich mit Mühe von seiner betrunkenen Freundin losreißen.
„Dankeschön.“, sagt Pierre als sich Clement wieder setzt. Kurz versucht sich ein Zweifel in Clements Kopf zu manifestieren, aber der Alkohol bändigt seine wildgewordenen Gedanken.
Sie stoßen an und nehmen beide einen Schluck. Clements versucht seine Menschenkenntnis abzurufen, aber dort wo eine Einschätzung sein sollte, ist nur ein schwarzes Loch.
Als er vorhin die Leute in der Bar beobachtet hat, ist Clement Pierre nicht aufgefallen.„Ich bin zum ersten Mal hier.“, sagt der Anzugträger schließlich.
„Ach wirklich?“, sagt Clement während er seine Zigarette im Aschenbecher formt.
„Merkt man oder? Ich gehe normalerweise nicht in Bars, aber ein Freund von mir hatte heute Geburtstag.“
„Wo sitzen deine Freunde?“, fragt Clement. Pierres müde Augen weiten sich und er bricht ein Stück seines Zigarettenpäckchen ab.
„Schon zuhause.“
„Also bist du hier gestrandet?“
„Sozusagen.“
„Ich glaube alle hier sind irgendwann mal hier gestrandet und nichtmehr aufgebrochen.“, sagt Clement und macht eine  Geste die ein bisschen an den gekreuzigten Jesus erinnert.
Pierre sieht sich die Bar und die Menschen darin genauer an. Die bunten Klamotten und die freizügigen Outfits. Bunte Vögel und unscheinbare Mauerblümchen.
„Ich muss ja zugeben ich glaube ich passe hier gar nicht so her wie ich anfänglich glaubte.“, sagte Pierre und blickt an seinen Anzug herunter.
Clement observiert alles genau und bemerkt erst sehr verzögert die Nervösität seines Gesprächspartners. Kurz sucht er nach Worten. Es tut ihm leid, dass er so harsch war.„Hier ist genug Platz für alle.“, sagt Clement schließlich.
Pierre lässt die Kraft dieser Worte auf sich wirken. Er sieht sich noch einmal um. Wartet auf ein Gefühl, dass ihm mitteilt er gehört hier nicht hin. Er denkt an seine Eltern die ihn hier antreffen. Ihre abwertenden Blicke. Die Vorurteile in ihren Augen. In der normalen Welt funktionieren seine Eltern als sein moralischer Kompass der ihn in die richtige Richtung treibt. Die Nadel stramm nach Erfolg gerichtet.

Aber hier ist nicht die normale Welt. Hier im Sideline werden die Nord- und Südkappen verdreht, gewendet und neu ausgerichtet. Die gängigen Muster zum Erklären der Welt funktionieren nicht. Die dicken Mauern schirmen alle vor der normenden Außenwelt ab. Schützend hüllt das Sideline alle ein, die es brauchen.

Auch Pierre bekommt dieses umstoßen der Regeln und Normen jetzt zu spüren. Die Stimmen seiner Eltern sind verstummt. Zum ersten Mal seit einer viel zu langen Zeit, glaubt er nicht woanders sein zu müssen. Woanders hingehen zu müssen. Pierre grinst während er das leere Bierglas dreht.
Zum ersten Mal will er nicht woanders hin oder gänzlich weranders sein. Zum ersten Mal seit er denken kann will Pierre nicht von seinen Gedanken weglaufen. Er hat schon oft in Büchern davon gelesen wie es ist seinen Platz in dieser Welt zu finden. Aber kann das diese schäbige Bar in einer versteckten Seitenstraße sein? Seine Mutter hätte Clement als Vagabunden oder Freigeist bezeichnet. Seine Klamotten als schäbig geschimpft und den kleinen Silberring in seinem Nasenflügel als grässliche Verunstaltung betitelt. Jetzt jedoch ist diese Stimme nur gedämpft und mit enormer Anstrengung von draußen auf der Straße zu hören. Das Geschimpfe könnte genauso gut ein vorbeifahrendes Auto sein. Aber Pierres Mutter ist jetzt nicht hier und hat hier keine Macht. Auch nicht über Pierres Gedanken. Jetzt durch den vielen Alkohol verstummt ihre schrille Stimme und nur die beruhigende, raue Stimme von Clement ist zuhören. Pierres Entscheidungen in seinem bisherigen Leben haben sich angefühlt als würde sie jemand anders für ihn tätigen. Vom Beruf bis zu den Klamotten die er jeden Tag anzog. Geführt und ferngesteuert von den zwei Personen mit der Fernbedienung. Seine Eltern haben ihn von klein auf wenig gegeben. Bis jetzt hat er das auch nicht hinterfragt. Es war auch sein Wunsch gewesen in der Firma der Familie anzufangen. Dachte er zumindest. Jetzt ist aber alles anders geworden. Jetzt hat er Freiheit geschmeckt. Er schaut erneut durch den Raum und prägt sich alles genau ein. Sein Blick bleibt bei seinem Sitzpartner hängen und die dunklen Augen funkeln ihm entgegen. Möge er noch so ein schwieriges Leben führen. Seine Eltern den Rücken kehren. Den Job schmeißen und niemehr zurückblicken. Jetzt weiß er was er tun will. Das Feuer ihn ihm hat wieder an Kraft gewonnen.
„Du bist noch nicht in vielen Schwulenbars gewesen oder?“, sagt Clement.
„Merkt man das?“ Pierre macht ein Gesicht wie ein kleiner Junge der beim Stehlen erwischt wird.
„Was machst du eigentlich so beruflich?“, fragt Pierre.
„Was für eine Frage“, sagt Clement und lacht. Clement stützt seinen Kopf auf seine Hände und schaut Pierre an. „Ich bin noch auf der Uni.“ Pierre sieht wieder verblüfft aus.
„Ich finds ja irgendwie süß, wie du von allem hier so erstaunt bist. Erinnert mich bisschen an mich als ich zum ersten Mal hier war.“ Pierre spielt weiter mit dem Untersetzer auf dem Tisch.
„Du bist hübsch weißt du das? Auch wenn ich keine Anzüge mag.“
„Danke.“, sagt Pierre, „Kann ich aber nur zurückgeben.“ Die Unerfahrenheit lässt Pierres Stimme vibrieren. Clement hat Spaß daran sich mit dem unerfahrenen Pierre zu spielen. Auch wenn er sicher 5 Jahre älter ist als er, so hat er trotzdem das Gefühl, dass er ihm um Meilen voraus. Langsam legt sich der Nebel der gerauchten Zigaretten um die Personen im Sideline. Die Zungen werden leichter. Die Worte schlampiger. Nach jeder neuen Bestellung werden die Gespräche der Menschen zuerst tiefgründiger und dann völlig bescheuert. Das Lachen dringt inzwischen nach draußen in die Straße. Pierre und Clements brechen aus dem linearen Fluss der Zeit aus und reden in ihrer eigenen Dimension. Wo wenn nicht hier im Sideline schaffen sich die Menschen ihr eigenes Universum. Menschen wie Pierre, der lange auf der Suche war oder Menschen wie Clement der Leben will. Oder Ane, die sich keinen Regeln unterwerfen will oder Maria, die nur für eine Nacht austreten will.

Wir konnten nirgendwo hin, nur überall (Teil 1)

Prolog

Stell dir vor es ist Samstagnacht. Du bist gerade in die kalte Winternacht gestiegen und sprintest die Straße entlang. Es ist noch nicht früh genug für die Arbeiter und noch spät genug für leere Gehsteige. Die gesamte Straße gehört dir. Jeder deiner Schritte ist begleitet von knarzendem Schnee unter deinen Fußsohlen. Die frische Luft weckt die verrauchten Augen wieder auf, sodass jede einzelne Schneeflocke, und mag sie noch so winzig sein, betrachtet wird.
Dein Weg hier auf der Straße und dort drüben im Leben breitet sich aus. Alles wirkt so schaffbar und greifbar. Die Stadt nimmt dich auf. Du bekommst endlich das Gefühl angekommen zu sein. Weißt plötzlich wo deine Lebenslinie langführt. Ist das der Moment in dem deine Jugend aufhört? Sich dieser Zweifel löst und du auf einmal die Antworten auf alle Fragen hast. Die Flamme in deinem Herz breitet sich aus und die Wärme verteilt sich in deinem Körper wie ein Waldbrand der ohne Rücksicht alles einnimmt. Niederbrennt was gewesen ist und Platz macht für das was kommt.
Deine Lungen heben sich schwer von der schlechten Luft und den vielen Zigaretten. Deine Beine schwach vom Bier.
Die Worte deiner Freunde verkleben dir noch die Ohren. Ein ständiges Brummen begleitet dich bis vor deine eigene Haustüre. Es ist seltener geworden, dass ihr alle beisammen seid. Das Leben hat sich zwischen euch gedrängt. Ihr wohnt verteilt im Land. Dort wo früher gemeinsame Wochenenden von Donnerstag bis Montag waren, sind jetzt Pärchenabende und Grillfeste. Ein Abend wie heute ist einmalig geworden, aber um welchen Preis? Muss man am Weg zum Erwachsenen seine Unbeschwertheit eintauschen und bekommt das Wissen zum Funktionieren – oder war es andersrum?

Vor deiner Haustüre zündest du dir noch die letzte Zigarette des Abends an und lehnst dich an die Hauswand. Die Kälte zieht dir den Schleier von den Augen. Auch wenn du nicht weißt ob du schon dort bist wo du sein sollst oder dich dorthinbewegst wo du sein sollst. So weißt du jedenfalls wo du jetzt in diesem Moment bist.

Kapitel 1

Mit der Hand über die Schulter von Ane geht Clement und seine beste Freundin durch die Tür ihres Stammbeisls. Das gedämpfte Licht und der dichte Nebel umarmt die beiden wie ein alter Freund. Sofort reißen sie ihre Augen auf und scannen den Raum ab. Wer ist hier und wer noch nicht? Wo will ich hin und welche Ecke des Raums, muss heute gemieden werden?

Ohne ein weiteres Wort gehen die beiden in unterschiedliche Richtungen und verteilen Umarmungen und Küsse auf Wangen. Es dauert auch nicht lange da steht Ane schon an der Bar. Wie immer hat sie sich durch ein paar geschickt eingesetzte Augenkontakte mit wartenden Männern schnurstracks einen Platz in der ersten Reihe geangelt. Sie lehnt sich hinter die Bar um den Kellner, einen schon etwas in die Jahre gekommenen Mann in Lederjacke, einen Kuss auf die Wange zu schenken. „Zwei Bier bitte!“,

Ane dreht sich um und versucht über den Menschen auszumachen, wo sich Clement niedergelassen hat. Sofort entdeckt sie ihn und schnappt sich die beiden Bier und schlängelt sich an die andere Seite des Raums.

„Axel arbeitet heute.“, sagt sie und lässt sich neben Clements sinken, der gegenüber einer ihr unbekannten Person sitzt.

„Ich bin Maria“, sagt die Unbekannte und streckt Ane die Hand entgegen.

„Maria und ich sind gemeinsam auf der Uni.“, sagt Clement. Er schreit so laut, dass sich einige Köpfe umdrehen. Auch Maria macht ein etwas verwirrtes Gesicht, aber kurz darauf springt sie auf. „Ich hole mir auch etwas zu trinken.“ Sagt Maria fast unhörbar und verschwindet zur Bar.

„Wo hast du denn die gefunden?“, sagt Ane lachend.

Clements ignoriert die Aussage.

Er legt stattdessen seine Hand wieder auf Anes Schulter und blickt ihr verschmitzt ins Gesicht. Ane hält den Augenkontakt stand und beißt ihre Zähne zusammen. Einige Sekunden verstreichen. Der Blickkontakt dauert länger als bei üblichen Freunden.

Durch die zusammengekniffenen Zähne von Ane dringen endlich Worte. „Ist Maria deine neue Freundin?“, sagt Ane im Versuch Clement zu ärgern. Das unterdrückte Lachen lässt ihre Stimme vibrieren.

Als das letzte Wort zwischen den Ohren von Clement verarbeitet wurde drehen sich ohne sie stoppen zu können die Mundwinkel nach oben und nur einen Bruchteil einer Sekunde später lacht er auf. Er schaut in die andere Richtung und verstummt. „Hör doch auf so eine Scheiße zu reden und sei einmal in deinem Leben nett!“ Jetzt lacht auch Ane und kichert in ihr Bierglas.

Erst als Maria ein Weinglas und Shotglässer vor ihnen auf die Tischplatte knallt, sodass ein Orangenstück in den Aschenbecher fällt, hört sie auf zu lachen.

„So jetzt reiß dich wieder zusammen unsere Freundin ist hier.“, sagt Ane und wirft Clement einen scharfen Blick zu.

„Lasst uns trinken!“, sagt Clement.

„Oh ja!“, sagt Ane sofort und ihre Hand schnellt zu dem Shotglass mit einer Orange was Maria das Shotglass ohne Fruchtstückchen übriglassen würde. Doch Maries Hand schnellt auch nach vorne und greift fix die beiden übrigen Orangenscheiben und wirft sie in einem weiten Bogen Richtung Bar zurück. „Gleiches Recht für alle, würd ich sagen.“, sagt sie und hält das Shotglas erwartungsvoll über die Mitte des Tisches.

Ane blickt zu Clement der auch schon ein Shotglas erhoben hält. „Na los komm schon.“

„Prost!“, sagen die drei Menschen schließlich und nach einem klirren verziehen sie schon die Gesichter.

Clement kann als erster wieder sprechen. „Das ist ja widerlich.“
Sofort greift er nach seinem Bier und leert es fast zur Hälfte in der Hoffnung den widerlichen Geschmack loszuwerden.
Die anderen zwei zünden sich eine Zigarette an. „Was feiern wir heute eigentlich?“, fragt Maria und Ane duckt sich mit ihrem Kopf bis zur Tischplatte und späht von unten zu Maria hoch.
„Wir brauchen doch keinen Grund zum Feiern oder?“, Die Zigarette hängt in ihrem Mundwinkel und baumelt gefährlich hin und her. Clement schaut ihr dabei zu wie seine beste Freundin ihre Maske aufsetzt. Er sieht ihr an, dass es Ane Spaß macht das Maria etwas zu veräppeln. Ane nimmt einen dicken Zug von der Zigarette und bläst Maria den Rauch ins Gesicht, die jedoch unbeeindruckt und ruhig bleibt.

Maria blickt irritiert zwischen den beiden hin und her. „Wenn wir schon keinen Grund brauchen, dann brauchen wir wenigstens Alkohol zum Feiern.“, sagt sie schließlich.

Blitzschnell fährt daraufhin Ane ihren von vielen Zigaretten gelb gefärbten Zeigefinger Richtung Marias Gesicht. „Da hat wer verstanden um was es geht.“, schreit sie und schon verschwindet Ane zur Bar.

Clement fängt zum Lachen an und dämpft seine Zigarette aus.

„Deine beste Freundin ist lustig.“, sagt Maria.

„Oder?“,

Maria nickt und nimmt einen großen Schluck von ihrem Bier.

„Aber nimm sie nicht so ernst.“, sagt Clement während er sich eine weitere Zigarette anzündet. „Sie braucht immer ein bisschen bevor sie mit Leuten warm wird. Also nimms nicht persönlich, wenn sie ungut ist.“

Die Mundwinkel wandern langsam aber sicher weiter nach oben. Clement merkt langsam den Effekt des Alkohols. Das Bier und die Zigaretten harmonieren in Clements Kopf gerade zu einem Synapsen Feuerwerk. Der Nervengiftwalzer beginnt und schon tanzen die Endorphinrezeptoren zum Beat der Nacht. Die Dopamine hüpfen wild hin und her und empfangen Clement in der Nacht.

„Nachschub.“, schreit Ane während sie auf den Tisch zugeht und schon hat jeder der drei ein Gläschen in der einen und eine Orangenschale in der anderen Hand.

„Auf Ane!“, schreit Clement und sofort wird er von zwei schmalen Augen fixiert. Er grinst kurz zurück. „Weil meine beste Freundin heute Geburtstag hat!“ Er will seine Hand um Anes Schulern legen, aber sie duckt sich weg.

„Du bist so ein Arsch wirklich!“, sagt Ane und kippt sich ohne anzustoßen den Shot runter.

„Jetzt müssen wir uns wirklich besaufen! Jetzt weiß jeder hier das heute mein Todestag ist!“

Clement kichert bevor er seinen Shot runterleert und sogar Marie kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Ane springt erneut auf und geht zur Bar.

 

Die gerauchten Zigaretten und getrunkenen Gläser verschwimmen und niemand kann mehr so genau wiedergeben was hier wirklich konsumiert wurde. Die drei verstricken sich in immer lauteren Gespräche. Sie diskutieren lauthals und ohne den anderen zuzuhören. Springen von Politik oder den aktuellen Projekten oder den nervigen Chefs zu Bettgeschichten und den Verwandten. In der Nacht findet sich ein Platz für die Dinge die am Tag runtergeschluckt werden und der Alkohol bringt die versteckten Gedanken wieder an die Oberfläche. Gelockerte Zungen formen Wörter die bei Sonnenlicht nie zum Vorschein kommen würden.

Von Minute zu Minute werden die Augen schmaler und die Wörter rutschiger. Alles bekommt einen gelben Anstrich. Clement und Ane hängen aneinander und können sich in immer kürzeren Abständen nicht mehr vom Lachen abhalten. Keine Geschichte kann lückenlos erzählt werden, weil sofort ein tosendes Gelächter ausbricht.
Irgendwann zwischen Bier und Lachen verschwinden Clemens und Ane schnell auf die Toilette. Während Clemens konzentriert versucht zwei Lines auf seinem Handydisplay zu legen, hört Ane nicht auf darüber zu reden wie scharf sie nicht diesen einen Typen bei der Bar findet. Sie hat sich vorhin mit ihm in ein Gespräch verwickelt, aber er war nüchtern und sie zu betrunken, um das Gespräch wirklich wohin führen zu lassen. „Was für ein Scheiß hier!“ schimpft Clemens der bei schlechtem Licht und 7 Bier wirkliche Probleme hat die Lines gerecht aufzuteilen. „Ach scheiß drauf das passt so.“ Ane hat ihren Redeschwall nicht unterbrochen und selbst als Clemens ihr den eingerollten Geldschein reicht unterbricht sie nicht und so zieht er die erste Nase. „Hier komm mach schnell!“, sagt er. Das lässt sie sich nicht zweimal sagen. Schon beugt sie sich über das Handy. Kurzes ziehen und schon brennt es in der Nase. „So jetzt kann ich den Typen an der Bar in Angriff nehmen.“, sagt sie während sie aus der Toilette stürmt. Ohne auch nur von den komisch schauenden Menschen vor der Kabine Notiz zu nehmen. Clement entschuldigt sich mit einem breiten Grinsen bei ihnen und weiß genau was die spießigen Typen von ihnen gerade halten. Die Chemie und der Alkohol in seinem Blut lassen ihn aber keinen zweiten Gedanken daran verschwenden. Die Wissen nicht was er weiß. Er ist ihnen überlegen. Mit aufrechten Gang geht er wieder zurück auf den Tisch. Maria ist auch irgendwo in der Menschentraube verschwunden und eigentlich ist er ganz froh endlich mal alleine hier zu sein. Clement blickt in dem verrauchten Raum hin und her und sieht sich die verschieden Menschen an. Es ist immer wieder erstaunlich, dass sich so viele verschiedene Menschen auf einem Fleck zusammenfinden und für eine unbestimmte Zeit eine Einheit bilden. Clements Blick bleibt auf einem etwa 40-Jährigen Mann hängen. Er ist in braunen Lederschuhen, einer Jeans und einem Tommy Hilfiger Hemd gekleidet. Er sieht so aus als würde er den ein oder anderen Gedanken daran verschwenden was er anzieht. Früher musste er wahrscheinlich seine etwas feminine Art verstecken, um nicht von den anderen gemobbt zu werden. Das hat eine Rolle von Kompensationsmechanismen losgelöst. Deswegen hat er auch angefangen Sport zu treiben. Darauf zu achten wie er auf Stühlen Platz nimmt. Seinen Gang gezielt und aufrecht einstudiert und überschüssige Handbewegungen verlernt. Seine starken Oberarme spannen das dünne Hemd. Jetzt gestikuliert er frei und ohne auch nur einen Gedanken an die Haltung seiner Arme zu verschwenden. Als hätte er vergessen was ihm sein restliches Leben so beeinflusst hat. Auch die Worte seiner Schulkameraden kann er hier an diesem Ort nicht hören.

Hinter den von außen so unscheinbaren Türen dieser Bar versteckt sich eine Welt in der ein Platz für alle ist. Hier zählt weniger woher du kommst oder wieviel Geld du hast. Solange du andere respektierst und kein Arschloch bist. Kannst du dich dazusetzen und ein zweites Zuhause finden.

Ane und Clement haben das schon vor einem Jahr bemerkt. Seit ihrem ersten Besuch im letzten Winter verbringen sie jeden freien Abend in dieser Bar. Sie stürzen sich sobald die Sonne sich versteckt in die Straßen dieser Stadt. Wie getrieben landen sie immer wieder aufs Neue hier im Sideline.

Auch wenn sie die Antworten auf die vielen Fragen in ihren Köpfen mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht finden werden. So tut es gut sich für ein paar Stunden nicht so getrieben zu fühlen. Denn wenn sie durch die schwere Tür in die schmuddelige Bar treten, ist die Welt draußen nebensächlich und es fühlt sich oft zum ersten Mal in der Woche so an als würden sie am richtigen Ort sein.

Pridemonth im Hinterland

Unter normalen Umständen lasse ich mich nicht schnell für ein Wochenende in der Tiroler Pampa  begeistern, aber es hatte 32° Grad in unserer WG und mein brummender Kopf verfluchte jedes vorbeifahrende Auto.

Also packte ich meine Sachen und fuhr mit meiner Mutter und dem Rest der Verwandtschaft nach Tirol.
Mir stand also ein Wochenende mit viel Bier und zurückgehaltenen Worten gegenüber. Eventuell ein bisschen Wandern.

Schon die Ankunft war leicht überfordernd. Viele Umarmungen, Küsse auf Wangen und Fragen die sich nicht so schnell beantworten ließen.

Wie gehts in der Stadt? Was ist auf der Uni? Du hast abgenommen? Arbeitest du etwas? 

Überwältigt und schon nach 2 Minuten genervt bekommen wir den unfertigen Betonklotz zu Gesicht. Von außen hat das Haus Ähnlichkeiten mit einem postkommunistischen Plattenbau und von innen schlägt einem die aufblühende Familienidylle ins Gesicht. Alles ist darauf ausgelegt, dass sich die zwei jungen Menschen ihren Traum von der glücklichen Dorfidylle erfüllen. Bei dem Gedanken daran, dass sich in diesem Kaff ein jugendlicher Mensch ordentlich entwickeln soll, kommt mir die Kotze hoch. Der nächste Typ auf Grindr ist stolze 15 km entfernt. Mein Herz schmerzt.

Ich muss schon seit wir das Haus betreten haben versuchen, meine Abneigung für diese Familienromantik zu verbergen.
Die Führung durch das Haus beginnt und ich spiele Begeisterung vor. In Wirklichkeit würde ich gerne aus dem Panoramafenster in der Küche springen und auf den noch warmen Asphalt in der Hauseinfahrt zerschellen. Es widert mich alles an.
Meine Cousine und ihr Mann sind 4 Jahre älter als ich. Werde ich auch in vier Jahren mein Einfamilienhaus der Familie präsentieren? Aus Mangel an Alternativen einen festen Job angenommen haben? Von Kinder träumen? Mein Kopf beginnt sich zu drehen und beunruhigende Zukunftsvisionen in der Vorstadt bilden sich vor meinem inneren Auge. Ich brauche dringend eine Zigarette.

„Und das hier ist das Kinderzimmer“

Ohhhhh

Ahhhhhh

Oma: „Wie lange ist es denn noch?

Cousine: „Noch ist ja noch nichts sicher.“

„Das hier ist das zweite Kinderzimmer?“

Oma umarmt Cousine und fängt an zu heulen

Jetzt rührt mich die gesamte Situation. Ob es die Liebe für meine Oma ist oder sonst was weiß ich nicht genau. Aber bei dem Gedanken an Ur-Enkelkinder funkeln ihre Augen immer so schön. Ich reiße mich zusammen, um nicht auch loszuheulen.

Der kurze Gefühlsausbruch wird von einer erneuten, rührenden Geste gefolgt: Der Mann meiner Cousine drückt mir ein Bier in die Hand. Ich könnte ihm in diesem Moment um den Hals fallen, aber ich beherrsche mich.
Die anderen Cousinen und ich sondern sich vom Rest der Familie ab. Wie früher bei den Familienfeiern, wenn sich die Kinder in die Spielzimmer verkrochen haben und die Eltern ruhig ihre Streitgespräche führen konnten. Damals hatten wir nicht verstanden warum Ausländer schlimm sind. Wir haben sich gelangweilt und sind abgehauen.
Jetzt verstehen wir die Gespräche, aber fühlen uns hilflos. Wieder verkriechen wir uns. Nicht zum spielen, sondern zum kiffen. Rebellisch als wären wir wieder 17.

Auf dem Balkon ist die Aussicht atemberaubend. Von dem kleinen Hügel auf dem das Haus steht, sieht man über das überschaubare Dorf. Darüber hinaus räkeln sich Berge in die Höhe. Wie auf einer Postkarte.

Das Gras und Bier lockern die Stimmung. Abgesondert von den Eltern und Großeltern können wir über mehr als nur Belanglosigkeiten sprechen. Ich erfahre, dass mein Coming-out mehr Wellen geschlagen hat als ich gedacht habe. Ich erzähle rührend und mit lockerer Zunge wie damals alles abgelaufen ist. Wie meine Mutter mit meinem Outing umgegangen ist. Wie ich mich gefühlt habe und warum ich dann in die Stadt abgehauen bin. Vorgehalten habe ich als Grund immer das Studium, jedoch spielten viel mehr mit. Das wird mir erst jetzt mit etwas Abstand bewusst. Wie hätte ich das mit 18 auch in Worte fassen sollen.
Kurz werde ich nachdenklich und will mit meiner Mutter darüber reden. Mir ihre Seite anhören. Sie hat mir den Rücken gestärkt und negative Kommentare abgeschirmt. Kein einziges Mal wurde ich unangenehm von Verwandten angequatscht.
Schnell werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Der Grindr Ton erklingt und die orange Maske lacht mich an. Ich bereue, dass ich mir nur aus Neugierde die App heruntergeladen hatte. Nur um zu Wissen wie weit in der Pampa ich hier wirklich bin.

„Hey Gehst du heute aus?“

Lustig kann hier Ausgegangen werden ohne sich im Schützenkeller des Onkels mit selbstgebrannten umzuhacken?

Nach kurzem Schreiben und Bildtausch stellt sich raus, dass 3 Min von uns entfernt eine große Feier ist. Das Event des Jahres. Ist mega cool wurde gesagt und die Lobpreisung schreckt mich ab.
Mir ahnt grausiges. Übersteuerte Boxen die Schlager spielen. Betrunkene Dudes die mit ihren jämmerlichen Verhalten jemanden abzuschleppen versuchen. Mädchen die mit weit aufgerissenen Mund nach dem Strohhalm im Bacardicola Glas fischen. Kleidung aus der miesen Zeit der 2000er. Ein Albtraum.

Weil ich anscheinend auf öffentlichen Suizid stehe und mittlerweile viel zu betrunken bin, um rationale Entscheidungen zu treffen, überrede ich alle, dass wir auf das Fest gehen. Natürlich sage ich dem Typen auch zu. Der Spaß kann beginnen!

Dort angekommen werden wir erstmal vom Türsteher angemacht, weil eine von uns keinen Ausweis dabei hat. Meine Wut auf dieses Loch wird größer, aber es ist auch aufregend. Ich denke daran wie mir einer der auftrainierten, böse dreinschauenden Typen  eine in die Fresse haut, weil ich Schwuchtel ihn nicht anschauen brauche. Meine Todessehnsucht formt sich zu konkreten Bildern.
Wir beschließen sich unter die Menschen zu mischen und versuchen nicht aufzufallen. Ich würde mich selbst nicht als sehr effeminiert bezeichnen. Ich bekomme oft zu hören, dass Leute überrascht seien, dass ich schwul bin, was auch immer das heißen soll, aber hier falle ich anscheinend mehr auf als ich gewohnt bin. Ständig starren uns  Menschen an und ich bin mir nicht sicher, ob sie riechen, dass wir nicht von hier sind oder ob ich noch Apfelkuchen im Gesicht kleben habe.
Im Versuch meine wahren Farben zu kaschieren, habe ich mich gänzlich schwarz angezogen. Ich bin bereit für ein Begräbnis. Wahrscheinlich mein Eigenes.
In dem Glauben dass ich locker als Hetero durchgehe, spaziere ich an den Türstehern vorbei in die Menschentraube vor dem Zelt. Wir kämpfen uns zur Bar. Ausnüchtern darf hier keiner. Soweit haben wir die Regeln verstanden.

Wir lernen Menschen aus Frankreich kennen die hier auf Wanderurlaub sind. Sie sind ebenso belustigt von dem wilden Treiben in dem ruhigen Dorf und erzählen uns von der Wanderung die sie heute gemacht haben. Ich frage sie  verzweifelt nach Gras, aber sie kiffen nicht. Ich verschwinde und suche den Typen von Grindr.

Ziemlich betrunken wanke ich vor dem Zelt herum. In einer Hand mein Handy und in der anderen mein Bier, warte ich auf den Dude, wie ich ihn kurzerhand getauft habe. (Name vergessen und vor zwei Tagen „The Big Lebowski“ gesehen) Seine Nachrichten wirken auch nicht mehr Nüchtern. Zum Glück.

Nach viel zu langen 5 Minuten in denen ich meinen Blick durch die Menge schweifen ließ und mich ausreichend  mit den Balzverhalten der ansässigen Jugend vertraut gemacht habe, steht er endlich vor mir und ist zum Glück genauso betrunken wie alle hier.
Er umarmt mich und wir versuchen Smalltalk zu betreiben. Ich erzähle von zuhause und dem Leben in der Großstadt. Frage wie es ist hier schwul zu sein und ob es hier überhaupt Gleichgesinnte gibt. Er erzählt mir, dass anscheinend viele nicht geoutet sind. Auf Grindr lernt man sie kennen, sagt er. Mich bedrücken die Schilderungen. Kann mir in meiner heutigen Situation schwer vorstellen, nicht ständig von Queers umgeben zu sein. Er macht ein paar Witze, um die Hoffnungslosigkeit zu kaschieren, aber es dringt eine schwere Traurigkeit durch. Wir wechseln das Thema aber meine Stimmung ist gedreht. Ich beginne zum Nachdenken und finde die gesamte Situation und wie ich damit umgegangen bin zum Heulen. Ich habe mir einen Witz daraus gemacht im Dorf undercover zu gehen, aber für viele ist das hier Realität.
Das der Dude nur im Internet Männer kennenlernen kann, deprimiert mich. Das sie dann meistens ungeoutet sind trifft mich mitten ins Herz. Als ohnehin einsame Dorfschwuchtel in einen Ungeouteten oder Hetero verliebt zu sein ist alles nur nicht schön. Ich sollte das eigentlich wissen und trotzdem war ich so ignorant und habe ständig Witze darüber gemacht wie verklemmt hier sicher alle sind. Ich beginne mich zu schämen, dass ich so voreingenommen war. Ich kam mir überlegen vor. Als wäre ich wieder ein arroganter Teenager. Ich habe total außer Acht gelassen, dass ich auch in so einem Kaff aufgewachsen bin. Der 19-Jährige Dude vor mir hätte genauso gut ich mit 19 sein können. Wie gern hätte ich mich damals getraut, mich mit anderen Männern zu treffen.

Noch bevor ich mich mehr schämen konnte, gingen wir auf die Tanzfläche, von wo ich mich aber schnellstmöglich wieder, mit dem Vorwand ich habe keine Zigaretten mehr, verpisste. Vor dem Zigarettenautomat angekommen fiel mir erstmal meine Geldbörse runter und während ich „Where is the money Lebowski?“ murmelte, lachte und fast das Gleichgewicht verlor, sammelte ich die Münzen wieder ein. Zwei vorbeikommende Menschen blieben stehen und halfen mir beim Einsammeln. Was für gute Seelen. Vielleicht haben sie mir auch Geld gestohlen. Wer weiß.

Anschließend fand ich den Dude nicht mehr. Erst am nächsten Tag habe ich seine Nachrichten auf meinem Handy gesehen. Er wollte sich nochmal mit mir treffen. Er fände mich süß. Kurz fühle ich mich geschmeichelt, aber bin dann schlussendlich froh, dass wir uns nichtmehr gesehen haben. Auch wenn ich ihn mit ziemliche Sicherheit geküsst hätte, so wüsste ich nicht wie mit der Situation umgegangen wäre. Zuviel hätte mich an meine eigene Jugend erinnert. Die Angst, dass jemand erkennen könnte wie ich wirklich fühle. Ich schäme mich immer mehr für meine Vorurteile gegen das Land.  Ich bin mir überlegen vorgekommen, dabei war ich derjenige der total unterlegen war. Der Dude steht zu seiner Sexualität und zu sich selbst. Egal was die Menschen rund um ihn für eine Meinung haben. Es ist einfach in einer liberalen Großstadt, wo jeden zweiten Tag LGBTQ+ Events stattfinden, seine wahren Farben zu zeigen. Dort wo sich auf Plakaten Männer küssen und CSD’s fester Bestandteil des Eventkalenders sind, muss sich keine verstecken. Es gehört einiges an Mut dazu zu sich selbst zu stehen in einer Gegend weit entfernt von den fast utopischen Großstädte. Er verliert seinen Stolz nicht und strahlt in einer Gegend, wo weit und breit kein CSD abgehalten wird.
Ich sollte es besser wissen. Kenne diese Situation aus meiner eigenen Jugend, aber ich war damals nicht stark genug dem Druck von außen standzuhalten. Ich habe mich verstellt und gelogen. Versucht mich irgendwie anzupassen; und bin bei der ersten Gelegenheit in die Stadt geflüchtet. In eine Umgebung wo es egal war, wenn du von Kopf bis Fuß regenbogenfarben angezogen bist.
Der Dude hingegen hängt sich eine Regenbogenflagge ans Auto und fährt durch ein 3000 Seelen Dorf. Wird an der Ampel angeschrien und beschimpft, aber ändert sich trotzdem nicht. Er bleibt standhaft und stolz. Die Welt braucht Menschen wie den Dude. Kleine Zeichen und Represäntation gewöhnen die Menschen am Land an neue Lebensrealitäten. So werden die Dörfer dieser Welt vielleicht auch bald schöne Orte wo Queers Leben können ohne Angst zu haben.
Ich will hier nicht sagen, dass ein Umziehen in eine liberalere Gegend nicht völlig gerechtfertigt ist. LGBTQ+ Menschen sollen aus unglücklichen Situationen fliehen können und können auch in Städten gesellschaftliche Veränderung anzetteln. Ich sage nur, dass die wenigen Menschen die sich als queer offen am Land zeigen, unglaubliche Veränderung anstoßen können. Den Weg für andere Menschen ebnen. Es muss nicht immer ein Stein durch ein Fenster sein. 50 Jahre nach Stonewall reicht eine kleine Regenbogenflagge am Auto eines Jungen.
50 Jahre nach Stonewall sind die Paraden eine reine, sich in der eigenen Meinung suhlende Veranstaltung. Die ohnehin schon liberalen Menschen in den Städten feiern eine Party. Das ist auch völlig legitim und soll so sein, aber glaubt nicht, dass sich so etwas ändern wird. So ändern wir nichts. Der Dude verändert was, indem er offen auf dem Marktplatz steht und schreit: Hier bin ich! So bin ich! Und hier bleib ich auch!

Dort wo die Welt in Ordnung ist

Es ist warm. Es scheint die Sonne. Auf der Uni ist es stressig. Das heißt es ist Zeit die Wochenenden auf Open-Airs zu verbringen. Im Wald zu pumpenden Bässen tanzen. In der Nacht frieren und am Tag am Hitzetod sterben. Warmes Bier trinken und beste Freunde für eine Nacht finden.

Diesmal trieb es uns auf das Breakfest. Schon seit Jahren findet das Festival in Tschechien in einem kleinen Örtchen. An einem kleinen See finden sich Jahr für Jahr bassliebende Menschen ein und lassen sich für 4 Tage die Trommelfelder mit Acidtekno zerschießen.

Spontan und zwei Stunden vor offiziellen Beginn des Festivals beschließen wir hinzufahren und eine Stunde später sind wir schon am Weg in die Tschechische Pampa. Die ersten Bierdosen wurden aufgebrochen und die halbkaputten Autoboxen im knallroten VW eines Freundes spielt krachende Musik. Fast gelähmt von der Hitze und der fehlenden Klimaanlage fahren wir der Sonne entgegen. Lachend und schon jetzt treibend auf einer Wolke aus Unbeschwertheit. Immer dem Horizont entlang; soweit uns der Wind treibt.
Mit einem breitem Grinsen schaue ich aus dem Fenster. Tschechien ist kein Land das ich schön nennen würde, aber mit den Menschen auf dem Rücksitz und dem guten Wetter ist es wunderbar hier.

Nach vierstündiger Autofahrt kribbelte der Magen und bald die Nase. Zelte provisorisch aufgebaut. Vielleicht noch umgezogen. Wir konnten die Bühne schon sehen. Die Musik hören. Der Bass schrie nach uns.

jetzt endlich zur stage. Kommt schnell. wir müssen hin. sonst verpassen wir etwas.

Biergeschmack, Rauch in den Lungen und schon breitet sich alles vor unseren Augen aus. Im Gänsemarsch den schmalen Weg durch auf die Lichtung und das Zelt plus Bühne ist schon da. Nicht zum übersehen. Gefühle überschlagen sich. Alles auf einmal und doch gar nichts.

Freund: Jetzt gehts los!

lachen, springen, umarmen

Die ersten Menschen tanzen unter der schwächerwerdenden Sonne. Begrüßen die kommende Nacht voller Möglichkeiten. Der wummernde Bass fährt in unsere Körper. Wir sind angekommen. Zuhause für die nächsten paar Tage, oder eigentlich für immer?

Das hier ist das wirklich Schöne an elektronischer Musik. Nichts ist geregelt, aber doch hat jeder seinen Platz. Diese hedonistische Oase ist der Beweis, dass wir keine Regeln brauchen um glücklich zu sein. Rücksicht und Freude und schon klappt das Zusammenleben ohne Streit. Wie hat unsere flüchtige Bekanntschaft in der ersten Nacht immer geschrien? positive Vibrations? positive Vibrations! Ja genau!
Ohne Plan und ohne Zeit ohne Regeln und ohne Verpflichtungen und trotzdem funktioniert hier alles. Dort wo Menschen Barfuß tanzen ist die Welt noch in Ordnung hat eine Freundin von mir einmal gesagt. Sie hatte so recht.

Ein Festival, und ich rede nicht von diesen Massenveranstaltungen die dir für eine Karte 200 Euro abknöpfen, ich spreche von aufblühenden Oasen auf denen du Menschen von aller Welt kennenlernst und manche verstehst und manche nicht, du dich aber trotzdem verstehst. Menschen die die Ferne suchen und sie an Orten wie diesen finden.

Hedonismus ist so schön, doch so verpönt. Was soll so schlimm sein aus der Realität auszutreten? Was ist falsch an Eskapismus. Nichts! Nichts ich sag es euch!

Eingetaucht in die Musik und Menschen. Völlig zufrieden und fröhlich. Verloren im Kopf und in der Welt, aber jetzt hier.

Es gibt hier keinen Ablauf an den wir uns halten müssen. Wir wissen meist selbst nicht was wir machen. Hier ein gemeinsamer Tanz dort eine geschnorrte Zigarette drüben jemand am Nasen auflegen. Die Zeit löst sich auf. Die Uhrzeiten verlieren an Bedeutung und der Timetable verliert jede Sekunde an Relevanz. Egal wer hier gerade auflegt die Person spielt herrlich und tanzbar und wunderschön.

Bekanntschaften mit neuen Menschen. Sofort Freundschaften schließen. Gespräche über intime Gedanken. Wir teilen hier alles. Unseren Proviant und unsere Geheimnisse; das gehört einfach dazu.

Kurze Verschnaufpause am Lagerfeuer. Die glühenden Punkte in den dunklen Sternenhimmel. Intime Gedanken über Liebe, Musik und den ganzen Rest.

Jetzt aber genug geredet! Eine Hand zieht mich zurück auf die Tanzfläche. Ich war noch nicht fertig – aber das hat noch Zeit. Später irgendwann. oder Morgen.

Die Sonne geht unter und wieder auf unter und wieder auf. Wir nehmen nicht recht viel Notiz davon. Was wir machen ändert sich nicht. Vielleicht am Nachmittag mal für ein paar Stunden im Wald schlafen. Den kühlen Waldboden riechen. Aber dann ganz schnell wieder zurück zur Bühne! Es spielt wieder ein gutes Set!

Einmal noch vor den Boxen stehen und sich von wummernden Bässen auffangen lassen. Verschiedenste Menschen ein Lächeln schenken und die Mundwinkel nicht runter kriegen. Jeden schlechten Gedanken verbannen aus deinem Kopf. Tanzen, sich bewegen. Endlich ankommen.

Frei sein.

Liebe spüren.

Glücklich sein.